Weißdorn

Der Weißdorn

Crataegus monogyna (Eingriffeliger W.), Crataegus laevigata (Zweigriffeliger W.)

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Den meisten ist der Weißdorn als herz- und kreislaufstärkendes Mittel bereits bekannt, da die heilkräftige Pflanze auch in Präparaten der Schulmedizin häufig verwendet wird. 2-3 Tassen Weißdorntee am Tag helfen bei Herzschwäche, Angina pectoris, Bluthochdruck, Herzklopfen, unregelmäßigem Puls, Herzstechen, Durchblutungsstörungen der Herzkranzgefäße und bei Schlafstörungen nervösen Ursprungs. Da gerade in unserer Zeit Herzversagen zur häufigsten Todesursache der westlichen Welt geworden ist, ist dieser gutmütige Helfer ein besonderes Geschenk, das wir am besten frühzeitig anwenden. Weißdorn ist weniger geeignet bei akuten Krankheitszuständen, als zur längerfristigen Vorbeugung – v.a. zur Herzstärkung im Alter – und Nachbehandlung. Anders als die stark herzwirksamen Pflanzen wie Fingerhut oder Maiglöckchen ist Weißdorn ungiftig und bleibt auch bei längerem Einsatz nebenwirkungsfrei. Dennoch gilt: Vor einer Anwendung sollte durch eine ärztliche Untersuchung abgeklärt werden, ob evtl. Erkrankungen vorliegen, die einer anderen Behandlung bedürfen.

Wenn ihr Weißdorn in der Apotheke kauft, könnt ihr feststellen, dass es große Unterschiede in Preis und Qualität gibt. Eine günstige Qualität, die ich kaufte, bestand z.B. nur aus Blättern und holzigen Stängelteilen. Bei einer anderen, auf Heilkräuter spezialisierten Apotheke, erschrak ich erst über den Preis, war dann jedoch erfreut zu sehen, dass der Tee fast nur Blüten enthielt. Letzten Endes enthalten alle Teile des Weißdorns – Blüten, Blätter und Früchte – die herzwirksamen Substanzen und die persönlich favorisierte Mischung lässt sich am besten durch Selbstsammeln zusammenstellen. Die schneeweißen Blüten erscheinen kurz nach den Blättern im Mai, nach den letzten Spätfrösten; die leuchtend roten Beeren im September/Oktober.

Die astrologische Zuordnung des baumartigen Strauchgewächses Sonne/Saturn offenbart seine gegensätzliche Erscheinung. Im Winter sehen wir ein dichtes, wehrhaft dornenstarrendes Gezweig, das sich mit verhaltener Kraft verteidigungsbereit in Stellung gebracht zu haben scheint. Die kleinen, zähen, gelappten Blätter signalisieren Zurückhaltung und Genügsamkeit. Dann im Mai aber – welche Verwandlung! Der Strauch hüllt sein dorniges Innenleben in eine lichte Wolke aus weißen Blütenbüscheln und wirkt mit den abertausenden fünfblättrigen Blütchen, als wolle die aufgestaute Kraft sich in einem einzigen lustvollen Akt der Hingabe verströmen. Wer die Nase in die einladenden weißen Puschel steckt, wird sie allerdings erstmal rümpfend zurückziehen. Obwohl zur Familie der Rosengewächse gehörig, entströmt den Blüten kein angenehmer, sondern eher animalisch wirkender Geruch, der auf das enthaltene Trimethylamin (chemisch verwandt mit Ammoniak) zurückzuführen ist. Demzufolge werden sie auch nicht von Bienen, sondern von Fliegen und Aasinsekten bestäubt. Das soll uns jedoch nicht davon abhalten, die Blüten gerne zu verwenden. Im Tee ist der Geschmack nur sehr abgeschwächt wiederzuerkennen (Empfindliche Gemüter machen sich eine Teemischung mit stärker schmeckenden Kräutern wie Minze oder Rosmarin). Und überraschenderweise kommen die gesuchten Blütenqualitäten erst in einer Tinktur so recht ans Tageslicht. Eine Flasche mit Blüten befüllt und mit Korn aufgegossen lässt man ein paar Wochen stehen und seiht sie ab. Die Tinktur färbt sich honiggolden und – o Wunder! – schmeckt auch aromatisch honiggleich. Eine Zugabe von Honig für einen Likör ist natürlich möglich, aber mE geschmacklich überhaupt nicht nötig. Eins der tiefliegenden Geheimnisse dieser Pflanze mit langer Kulturgeschichte ...

Bei den Kelten gehörte der Weißdorn zu den Häuptlingsbäumen. Es war bei strenger Strafe verboten, diese Bäume zu schlagen. Die besondere Stellung des Weißdorns lag in seiner Wehrhaftigkeit. Zusammen mit anderen Gehölzen wie Schlehe, Brombeere, Wildrose und Kreuzdorn bildete er eine natürliche Hecke um die menschlichen Behausungen - einen Hag. Daher rührt der weitere Name "Hagedorn". Diese Hecken schirmten die gefährliche Außenwelt der Urwälder, wilden Tiere und Dämonen von Heim und Herd ab. Diese Übergangszone war nicht nur ein Biotop für viele Tiere, sondern auch ein Hort für Geistwesen. Gleichzeitig wuchsen hier die besten Heil- und Zauberkräuter. Heute noch findet man in Irland und Wales mit Stofffetzen und Weihegaben geschmückte Weißdornsträucher. Diese Bäume sind den Heiligen geweiht und gelten als Wohnort der Feen.

Aus den mehligen Beeren des Weißdorn wurde noch lange in Notzeiten Brot gebacken. Für unsere Zwecke sind die Beeren auch geeignet, um einen herbsüß schmeckenden, herzstärkenden Weißdornlikör herzustellen. Die Früchte sind außerdem sehr kaliumhaltig und wirken so Ödemen (Wasseransammlungen im Körper) entgegen.

Es lohnt sich, auf den Spuren, dieses alten Menschenbegleiters zu wandeln. Und wer wie ich das Glück hat, in der Nähe eines alten Weißdornbusches zu wohnen, unter dem er im Sonnenuntergang kauern und in die Stimmen der Abenddämmerung eintauchen kann, der mag wie die alten "Hagazussen" (Heckensitzerinnen -> Hexen) der Natur ein Stückchen ihres Geheimnisses ablauschen.

(mo)