Beifuß

Der Beifuß

Artemisia vulgaris

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 Der Beifuß ist der wilde Verwandte des bekannten Gartenkrautes Wermut (artemisia absinthium). Wohl jeder hat ihn schon gesehen, denn er zählt zu den häufigsten Wildkräutern – dennoch wissen wenige tatsächlich wie er aussieht. Die robuste Staude hat einen langen, aufrechten, oft rötlich-braunen Stengel, der bis ca. 1,5 m hoch wird, mit gefiederten, spitz auslaufenden Blättern, die an der Oberseite dunkelgrün, an der Unterseite weißfilzig behaart sind. Ab Juli bis September blüht der Korbblütler in Rispen mit sehr unscheinbaren kleinen gelblichen Röhrenblüten in den stecknadelkopfgroßen Kelchblättern. Die zähe Pionierpflanze ist oft an Wegrändern, auf Ödland und an Schuttplätzen zu finden.

Unter den Heilpflanzen gibt es wohl kaum einen krasseren Unterschied zwischen der früheren Wertschätzung und ihrer heutigen Bedeutungslosigkeit, wie gerade beim Beifuß. Die Artemisia-Gewächse sind in über 200 Arten über die Erde verbreitet und wurden in allen Kulturen – vom alten China über das antike Griechenland, Persien, Rom, Ägypten bis hin zu den indianischen Kulturen Amerikas – hochgeschätzt. Der Gattungsname soll auf die heilpflanzenkundige Artemisia, Gemahlin des Königs Maussolos von Persien im 4. Jhd. v. Chr. zurückgehen. Ebenso wird sie der Göttin Artemis zugeordnet, in der griechisch-persischen Mythologie Göttin der Jagd, des Mondes und Hüterin der Frauen und Kinder. Der Beifuß war ebenso heiliges Kraut der entsprechenden Göttinen des römischen Pantheons, Diana, und der Ägypter, Isis.

Der Beifuß wurde zum rituellen Räuchern, gegen Dämonen und zur engergetischen Reinigung verwendet. Medizinisch wurde er vor allem als Kraut gegen Frauenleiden geschätzt. Beifuß wirke heiß und trocken, heißt es, und so behandelte man damit alle Beschwerden, die mit einer Verkühlung des Unterleibs und dem (damit oft einhergehenden) Symptom der kalten Füße zusammenhängen. Bei zu schwacher oder schmerzhafter Regel, Blasenkatarrh, Ausfluss, chronischer Eierstockentzündung und wenig durchbluteten Füßen schenkt der Beifuß als Tee, Fuß- und Sitzbad Linderung und wohltuende Wärme. Beifuß wurde auch zur Förderung der Fruchtbarkeit und Erleichterung der Geburt verwendet. Zu meiden ist die Pflanze jedoch bei Schwangerschaft wegen ihrer abortiven Wirkung!

Eine weitere Verwendung ergibt sich aus der wohltuenden Wirkung des Beifuß auf müde Füße – hier mag der deutsche Name seine Wurzel haben. Man kann sich dafür ein Beifußöl ansetzen mit frischen, zerschnittenen Blättern, Blüten, Wurzeln und kaltgepresstem Sonnenblumenöl. An einem sonnigen Platz lässt man ein gefülltes Schraubglas 2–3 Wochen lang stehen und seiht die Mischung dann durch ein Tuch ab. Wirksam ist das Öl bei strapazierten, geschwollenen Füßen, Muskelkater und Verspannungen. Wanderer legten sich früher auch einfach Beifußblätter in die Schuhe; auch das Einreiben mit den frischen, zerknüllten Blättern soll Linderung bringen.

Eine feine Köstlichkeit, die sehr schön in der Wildkräuterküche zu verwenden ist, sind die Blütenknospen, die der Beifuß ab Juli ausbildet. Gerne knuspere ich die frischen Träubchen mit dem zart-würzigen Geschmack einfach beim Flanieren durch die Felder. Die Triebspitzen, die es nach Hause schaffen, sind wunderbare und dekorative Beigaben zum Salat oder (am besten nach dem Kochen) auf Gemüseplatten. Auch zum Kräutersalz sind sie eine herrliche Zutat. Beifußkraut kennt man in der Küche traditionell nur als Gänsebratenbeigabe; in dieser Kombination wird vor allem die verdauungsanregende Wirkung geschätzt. Das aromatische Kraut ist auch als Tee ein besonderer Genuss. Empfehlenswert ist hier auf jeden Fall, das frische Kraut zu verwenden, das ein unvergleichlich feinwürziges Aroma verbreitet. Mein zur Winterzeit in der Apotheke gekauftes Beifußkraut war leider optisch wie geschmacklich ein ernüchterndes Gebrösel ... der nächste Wintervorrat wird auf jeden Fall selbst gesammelt!

Es lohnt also in vielfacher Weise, dieses altehrwürdige, verdienstvolle Kraut im Garten stehen zu lassen und von Kräuterausflügen mitzubringen. Im Sommer freuen wir uns an der Bereicherung des Speiseplans mit frischwürzigen Trieben, im Winter am wärmenden Tee und Räucherwerk mit aromatisch-reinigendem Charakter. Und ahnen dabei vielleicht, warum unsere Vorfahren dieses kraftvolle Kraut als "Mutter aller Pflanzen" verehrten.

(mo)